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Bewegungen eines nahen Berges

Ein aufgelassenes Industriegelände unweit einer jahrhundertealten Erzmine in den steirischen Alpen. Hier führt ein selbstgelernter Mechaniker einen Handel mit gebrauchten Autos und Ersatzteile zwischen Österreich und seiner alten Heimat Nigeria. Während er für sich allein und mit wundersamer Gelassenheit sein Tagwerk verrichtet, beginnen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu überlagern. Ein mysteriöses Versprechen ewiger Ressourcen trifft auf Erinnerungen an eine verloren geglaubte Freundschaft.

Yu Gong

In China erzählt man sich die Parabel vom närrischen Alten Yu Gong, dessen Weg von seinem Haus nach Süden durch zwei riesige Berge versperrt wurde. Er begann – wider alle Spöttereien – die Berge abzutragen, auf dass seine Kinder und Enkelkinder eines Tages sein Werk vollenden würden. Beeindruckt von dieser Zielstrebigkeit schickte der Himmelskaiser göttlichen Beistand und ließ die Berge forttragen. „Yu Gong versetzt Berge“ wurde zum geflügelten Wort und fand sogar Eingang in die Mao-Bibel. Unterschiedliche Variationen der Yu-Gong-Geschichte bilden die Leitschnur für diesen Reisefilm zu den Schauplätzen eines ähnlich gigantischen Vorhabens der Gegenwart. Auch der chinesische Staat und die chinesische Wirtschaft wollen den Weg nach Süden frei räumen, genauer in den globalen Süden, auf den afrikanischen Kontinent. Und diese Aufgabe ist nicht weniger ambitioniert als die des närrischen Alten. So sehen wir in Echtzeit, wie die ökonomische, politische und kulturelle Zukunft der Globalisierung ganz real Gestalt annimmt. Die prägenden Kräfte hinter diesen Prozessen sind heute nicht mehr Europa oder die USA. China und die afrikanischen Staaten geben längst den Takt vor. Daniel Kötter reiste für seinen Film zwischen 2014 und 2017 nach Äthiopien, Algerien, den Kongo, Mosambik, Nigeria, Sambia, Südafrika und Tansania, sowie nach China und Hongkong. Er dokumentiert wie beiläufig die vielschichtigen Verflechtungen zwischen China und Afrika und findet mannigfaltige Spuren einer immer umfassenderen Annäherung, dem Entstehen eines „Chinafrikas“. Nicht nur riesige Bauprojekte und die Ausdehnung chinesischer Infrastruktur- und Logistiknetze zeugen von einer neuen Weltordnung, auch im alltäglichen Miteinander durchdringen sich afrikanische und chinesische Traditionen.

Chinafrika.mobile

Der Film folgt dem Lebenszyklus eines Smartphones: Vom Schürfen der benötigten Rohstoffe in den Minen Kolwezis in der DR Kongo, über die Herstellung in chinesischen Fabriken im Perlfluss-Delta bis zum Gebrauch und Recycling in Lagos, Nigeria. Die Kamera der mobilen Geräte schickt seine Bilder auf die globale Reise und auf die Displays der Nutzer. Gefilmt wurde von Minenarbeitern, Fabrikarbeitern, Händlern und Müllsammlern an den Originalschauplätzen im Kongo, in China und Nigeria. Vier kurze Filme zeigen die Arbeit an dem Gerät, das unserer aller Alltag bestimmt.
China und Afrika sind die treibenden Kräfte der ökonomischen, politischen und kulturellen Zukunft der Globalisierung und das Smartphone ist das entscheidende Verbindungsglied. Seit 2013 befassen sich Jochen Becker und Daniel Kötter mit den kulturellen Auswirkungen der ökonomischen und politischen Verbindungen zwischen China und Afrika.

Sie mussten die Hölle sehen – Auf der Flucht vor Boko Haram

Kinder werden mit versteckten Bombengürteln versehen und mit Fernzündern in die Luft gesprengt, überall herrschen Militär, Korruption und Willkür. Im Nordosten Nigerias, nur wenige Kilometer entfernt vom Kalifat der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram, suchen in der nahezu eingeschlossenen Stadt Maiduguri täglich tausende Vertriebene Schutz. Die Filmemacher haben mit Menschen gesprochen, die alles verloren haben, auch die Hoffnung. Es sind erschütternde Berichte von Witwen über Mord und Plünderungen. Die meisten Männer wurden vor den Augen der Kinder und Frauen regelrecht geschlachtet – sie mussten die Hölle sehen. Allein 17.000 Menschen sollen Boko-Haram-Truppen im Nordosten ermordet haben. Die Folge des Terrors ist, dass es kaum Hilfsorganisationen in diesen Gebieten gibt. Die Menschen sind auf sich allein gestellt. Wer kann, flieht. Nigeria gehört zu den Herkunftsländern, aus denen die meisten Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Europa kommen.

 

Afrika digital. Internetboom im Silicon Savannah (makro:)

Afrika digitalisiert sich mit rasender Geschwindigkeit. Das erregt das Interesse der Investoren. Bis 2020 sollen 60 Prozent des Kontinents ans digitale Breitbandnetz angeschlossen sein. Dann soll sich der Datentransfer verfünfzehnfachen. In Nigeria werden pro Minute 16 Smartphones verkauft. In vier Jahren sollen afrikaweit über 700 Millionen Smartphones online sein. Dieser Boom, so urteilt die Weltbank, biete erstmals die Chance, dass sich der Kontinent aus eigener Kraft substantiell weiterentwickelt. In Kenias Silicon Savannah arbeiten junge Nerds an Mobilfunk-Applikationen, die auch auf einfachen Handys funktionieren und so auch von der armen Landbevölkerung genutzt werden können. Mit Hilfe solcher Apps sollen Kinder lernen, Bauern Aussaat-Tipps bekommen und Marktpreise für ihre Ernte bestimmen können, Krankenpfleger auf dem Land ausgebildet und beraten werden. Auch schnelles und sicheres Bezahlen mit dem Mobiltelefon und das Abwickeln von Bankgeschäften per SMS ist in Ländern wie Kenia bereits Realität.

Abgefackelt

Ein kleines Fischerdorf im Nigerdelta gewinnt gegen den Erdölkonzern Shell. Shell muss dem Dorf umgerechnet 80 Millionen Euro Schadenersatz für Umweltschäden, die die Erdölförderung verursacht hat, zahlen. Das Urteil, gefällt im Januar 2015 in London, ist ein Erfolg für die nigerianischen Bauern gegen den Ölmulti. Jetzt drohen weitere Verurteilungen vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Die Ölförderung in Ländern wie Nigeria hat nicht nur katastrophale Folgen für die Menschen vor Ort, sondern auch für das Weltklima. Ein Skandal, der von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet bleibt. Mit der Erdölproduktion werden gleichzeitig riesige Mengen Erdgas an die Oberfläche befördert. Aber anstatt das Begleitgas zu nutzen, verbrennen Ölförderkonzerne den wertvollen Rohstoff. Durch das Abfackeln von Begleitgas verpufft jährlich ein Drittel des gesamten europäischen Erdgasbedarfes. Dabei entstehen 400 Millionen Tonnen Treibhausgase – das entspricht dem CO2-Ausstoss aller Autos in Deutschland, Frankreich und Großbritannien zusammen. Deshalb ist das Abfackeln in Europa verboten. Doch außerhalb Europas halten sich die Ölmultis nicht an das Verbot. In Nigeria leiden die Menschen besonders stark unter den gesundheitlichen Folgen des Gasabfackelns. Die Ernten sind durch Schwermetalle und sauren Regen verseucht. Erst wenn die europäischen Konzerne für ihre Umweltvergehen nach europäischem Recht in ihren Heimatländern zur Rechenschaft gezogen werden, könnte das Abfackeln ein Ende haben.

Ab 18!- Coming Home

Eine Berliner Szene-Künstlerin soll Prinzessin werden. Die 26-jährige Nigerianerin Isis Salam feiert die Nächte durch und lebt in den Tag hinein. Bis eines Morgens das Telefon klingelt. Mit schnellen Montagen und in verfremdet-traumhaften Momenten zeigen die Regisseurinnen eine Selbstfindung. Isis Salam ist in Lagos geboren, in Toronto aufgewachsen und lebt seit 2006 in Berlin. In einem Anruf bittet ihre Mutter sie, nach Lagos zu kommen. Dort soll Isis‘ Vater, zu dem sie längst jeden Kontakt abgebrochen hat, zum König und sie zur Prinzessin der Yoruba gekrönt werden. Isis Salam kehrt erstmals seit Jahrzehnten wieder nach Nigeria, ihre ebenso ferne wie fremde Heimat, zurück. Dabei gerät das Bild der starken, selbstbewussten und extrovertierten Frau, das Isis Salam gerne von sich vermittelt, ins Wanken und ihre fragilere emotionale Seite tritt zu Tage. Die Frage nach der eigenen Identität, die für Isis in ihrer Kunst immer schon eine Entscheidende war, gewinnt im wirklichen Leben eine andere Bedeutung und Dringlichkeit. Zu extrem sind die Kontraste zwischen Berlin und Lagos, zwischen ihren inneren Empfindungen und dem, was sie als angehende Prinzessin nach außen zu repräsentieren hat. Der Druck auf sie steigt.